Die Präsenz der Portraits von David Uessem ist faszinierend, teilweise fast beängstigend. In einem beeindruckenden Realismus gemalte Augenpaare blicken uns an, teilweise huscht um die Mundwinkel ein kleines Zucken – Lächeln oder Skepsis? Was denken diese fixierenden Augen? Machen sie sich über uns lustig oder blicken sie durch uns hindurch, ist die übergroß wiedergegebene Person vielmehr in ihren eigenen Gedanken verhangen?

Wir müssen, wenn uns nicht im Vorhinein erzählt wird, dass der Künstler im Bereich der Malerei tätig ist, sehr genau hinsehen um zu erkennen, dass dies keine Fotoausstellung ist. Im ersten Moment hat man als Betrachter durchaus den Eindruck, sich inmitten von Hochglanz-Fotoabzügen zu befinden. Und das Staunen entsprechend umso größer, wenn sich auf den zweiten Blick das wahre Wesen der Bilder enthüllt.

Die Möglichkeiten illusionistischer Malerei haben den Menschen von jeher fasziniert. Bereits im 5. Jahrhundert vor Christus gelang es Zeuxis von Herakleia auf seinen Arbeiten Trauben so realistisch darzustellen, dass die Tauben versuchten die gemalten Früchte anzupicken. Übertroffen wurde sein Können jedoch von Pharrhasios, welcher einen so veristischen Vorhang malte, dass Zeuxis ihn beiseiteschieben wollte.

Höhepunkte illusionistischer Malerei finden sich in Werken der Renaissance wie des Barock. Gerade in dieser Zeit wird viel mit dem Raum gespielt, mit Einblicken und Durchblicken – sämtliche Möglichkeiten, welche die neu entdeckte Perspektivlehre bietet werden ausgeschöpft.

Die akademisch gelehrte Malerei im Frankreich der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versucht auf ihre Weise die Welt möglichst naturalistisch abzubilden. Sie wird abgelöst vom Impressionismus, welcher sich an den neuen Theorien zur Farbwahrnehmung des Auges orientiert. Auch hier ist der Anspruch, die Welt so abzubilden, wie wir sie sehen.

Gleichzeitig stellt sich mit dem Aufkommen der Fotografie (1826 Joseph Nicephoire Niépce) zur gleichen Zeit die Frage, ob es nun überhaupt noch Aufgabe der Malerei sei, die Wirklichkeit abzubilden – oder ob sie dieses Feld der Fotografie überlassen und neue Wege gehen müsse. Die Frage wird bis heute immer wieder debattiert – ihre Aktualität hat sie trotz des inzwischen 150jährigen Jubiläums der Erfindung der Fotografie beibehalten.

Umso spannender, dass es seit Mitte des 20. Jahrhunderts wieder vermehrt Tendenzen realistischer Malerei gibt, die sich bis zum Hyperrealismus steigern. Lange war die figurative Malerei nach dem 2. Weltkrieg in Verruf geraten – zu sehr hatte sich die Propaganda insbesondere des NS-Regimes ihrer bedient. Nachdem die Abstraktion als Weltsprache deklariert wird und die 50er wie auch 60er Jahre maßgeblich prägt, hat der Fotorealismus auf der documenta 5 in Kassel im Jahr 1972 seinen ersten öffentlichen Auftritt. Gezeigt werden dort Bilder, welche eine Reproduktion der Reproduktion sind – Malereien nach Fotografien, die im ersten Moment aufgrund ihres unglaublichen Naturalismus ebenfalls wie Fotografien anmuten. Die Künstler bevorzugen Motive mit spiegelnden Oberflächen, wollen möglichst neutral und objektiv abbilden. Die persönliche Handschrift wird eliminiert, es wird mit der Realitätsverwechslung gespielt – der Betrachter wird gezielt verunsichert, indem er das Medium er auf den zweiten Blick erkennt.

Vom Fotorealismus spaltet sich sukzessive der Hyperrealismus, auch Superrealimus genannt, ab. Er nutzt die gleichen Ausdrucksmittel wie der Fotorealismus, möchte jedoch nicht, wie dieser, durch die brillante und detailgenaue Darstellung trumpfen. Vielmehr stellt er mit der Abbildung einer kühlen und profanen Wirklichkeit die Frage nach dem Wesen der Dinge. Und dies durchaus mit einem Hauch von Ironie und Existentialismus.

Bekannte Namen dieser Stilrichtung innerhalb der Malerei sind heute vor allem Gerhard Richter und Jeff Koons. Weitere Namen, die man sich in diesem Kontext unbedingt merken sollte sind Franz Gertsch und Gottfried Heinwein.

Mit den genannten Malern hat David Uessem viel gemeinsam. Nicht unbedingt die Bildinhalte – Jeff Koons lässt hauptsächlich Reproduktionen von Glitzerfolie und Glanzspielzeug malen und Gerhard Richter wurde mit seinen unscharfen Bildern bekannt. Alle eint jedoch die Meisterschaft in Hinblick auf das technische Können.

Zitieren möchte ich an dieser Stelle Gerhard Richter, welche hierzu ein wunderbares Statement verfasst hat. Darauf angesprochen, dass seine Gemälde immer eine perfekte Technik aufweisen, erwidert er:

Im Gegensatz zu der Zeit, als man die Technik lernen und so früh wie möglich üben musste, beherrscht sie heute keiner mehr. Malen ist so einfach geworden – jeder kann es tun! –, dass es oft zu einem gewissen Unsinn führt. Vor einem solchen Hintergrund fällt es natürlich auf, wenn jemand die Technik beherrscht. Für mich war das immer selbstverständlich und nie ein Problem. Ich stehe ja noch ganz in der Tradition der Malerei. Viel wichtiger ist für mich der Versuch, ja der Wunsch, zu zeigen, was ich will und dies mit so viel Genauigkeit wie möglich. In diesem Sinne brauche ich die Technik. Für mich ist die Perfektion so wichtig wie das Bild selbst.[1]

 Mit seinem Illusionismus betont David Uessem ein Extrem der Malerei, lotet sie in Bezug auf ihren Verismus bis zur letzten Pore und zum letzten Härchen aus. Gleichzeitig bricht er durch Verwischungen mit genau diesem Realismus – und legt damit das Wesen des Bildes nur umso deutlicher offen: die aus Farbe hergestellte Realität, die nicht wirklich real ist, auch wenn sie täuschend echt daherkommt.

Doch die Verwischungen enttarnen nicht nur, sondern verleihen den Arbeiten ebenfalls Dynamik – es entsteht ein Eindruck von Bewegung, die verwischten Flächen stehe in krassem Kontrast zur Perfektion der Feinmalerei und hauchen den Bildern damit eine spannungsgeladene Atmosphäre ein.

Doch nach der Theorie zurück zum Inhalt – viele besonders der neueren Bilder präsentieren uns radikale Verfremdungen von Alltäglichem mit surrealem Beigeschmack. Manche der Personen haben Papiertüten auf dem Kopf, im Selbstporträt krönt das Künstlerhaupt ein Katzenhut… Die Arbeiten umweht ein Hauch von Ironie, der nicht zuletzt an die ebenfalls beeindruckend realitätsnahe Malweise Rene Magrittes erinnert. Unterschiedlich ist jedoch das in den Bildern transportierte Gedankengut – während Magrittes sich intensiv mit den philosophischen Tendenzen seiner Zeit auseinandersetzt, die gerade in der Künstler-Boheme allgemeines Gedankengut sind, spiegelt David Uessem in seinen Bildern das Weltverständnis einer ganz anderen Generation wieder, die vermehrt als Generation X bezeichnet wird. Diese Generation bezieht einen Großteil ihres Weltbildes aus Bildern –  aus bebilderten Nachrichten, dem Internet, Facebook, Instagram, Hochglanz-Magazinen. In diesem Kontext erscheinen die wie zerknülltes Papier daherkommenden Porträts simpler Alltagsgegenstände wie ein Zeitdokument. Sie sind modernisierte Stillleben, und um den Kreis zu schließen, die bildgewordene Frage nach den „Möglichkeiten des Kunstwerks in Zeiten technischer Reproduzierbarkeit“, die der bekannte Denker Walter Benjamin in seinem Buch mit gleichen Titel stellt. In dieser Ausstellung bekommen wir einen Aspekt dieser Möglichkeiten vor Augen geführt – ich wünsche Ihnen viel Freude beim Entdecken!

 

[1] Gespräch mit Henri-François Debailleux 1993 in: Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe. Walther König Verlag, Köln 2008, S.318.)